Sex, ein blinder Fleck der Neuen Musik?

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After three emancipations in 20th century music (serial, indeterministic, actional…) / I have found that there is still one more chain to loose… that is… / PRE FREUDIAN HYPOCRISY / Why is sex a predominant theme in art and literature prohibited ONLY in music? / How long can New Music afford to be sixty years behind the times and still claim to be a serious art? / The purge of sex under the excuse of being >serious< exactly undermines the so called >seriousness< of music as a classical art, ranking with literature and painting. / Music history needs its D.H. Lawrence its Sigmung Freud”.

Nam June Paik, im Programm für “Opera Sextronique” (1967)

Fragen sie mal eine Komponistin, einen Komponisten, einen Intepreten oder eine Interpretin nach möglichen sexuellen Konnotationen der Neuen Musik. Sehr wahrscheinlich wird er oder sie große Augen machen und den Kopf schütteln. Nein. Sex und Neue Musik haben wenig miteinander zu tun.

Ist das wirklich wahr? Der französische Komponist Luc Ferrari wäre sicherlich anderer Meinung. Für ihn waren Komponieren und Sex eng verbunden, wovon die Titel und Konzepte mehrerer seiner Werke wie etwa Pornologos oder Sexolidas deutlich zeugen. Auch Sylvano Bussotti, Autor der Oper La Passion Selon Sade, würde protestieren. Der künstlerische Leiter der Biennale di Venezia hat sogar seine Funktion wegen exzessiven Performances mit Prostituierten während des Festivals 1991 verloren. Unter dem Einfluss von sexuellen Impulsen komponierte ohne Zweifel auch Karlheinz Stockhauen, was die unzähligen klanglichen Gesten und verbalen Anspielungen in Werken wie Momente oder Stimmung beweisen. Eine Szene im Opernzyklus Licht trägt den Titel Befruchtung mit Klavierstück und stellt einen Papagei-Pianisten am phallisch verlängerten Instrument dar, der zwischen den gespreizten Beinen von Evas Figur die Musik spielt.

Man könnte viele ähnliche Beispiele weiter aufzählen. Nur brennt die Frage dann auf den Lippen, warum sich die Neue Musik-Szene für asexuell hält?

Darwin argumentierte, die Fähigkeit des Menschen, Klänge zu erzeugen, habe sich in der Evolution als Mittel zur sexuellen Verführung herausgebildet, weil „musikalische Töne und Rhythmen von den halbmenschlichen Urerzeugern des Menschen während der Zeit der Brautwerbung gebraucht wurden”.(Darwin, Die Abstammung des Menschen).

Die Wissenschaft bestätigt die Thesen von Darwin auch dort, wo es um die sexuelle Funktion musikalischer Innovation geht: die Neigung des Homo Musicus zum Experimentieren hätte demnach ihre Quelle in der Absicht, das Interesse potentieller Partner oder Partnerinnen zu erwecken. Nach einer Studie bevorzugen Frauen eher anspruchsvolle und komplexe Musik, , da sie eine höhere Intelligenz und Kreativität des Autors verspreche.

Das würde besagen, dass Neue Musik durchaus ein beträchtliches erotisches Potential hätte. Und dass am vielversprechendsten die Musik der New Complexity wäre.

Manche Frauen würden jedoch sagen, dass die sehr raffinierte, aber auch dissonanzreiche Musik von Brian Ferneyhough keine erotischen Erregungen auslöse. Dasselbe gilt wahrscheinlich auch für die geräuschhafte Musik von Helmut Lachenmann und andere berühmte Komponisten der Neuen Musik. Doch die wichtigsten Protagonisten der Szene legten und legen vielleicht auch keinen Wert darauf, ob eine Zuhörerin, beziehungsweise ein Zuhörer bei einem Konzert mit Neuer Musik einen Orgasmus erlebt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die dissonante, geräuschhafte Musik per se unerotisch ist. Dass die zunächst unangenehmen Gefühle sich in positive Emotionen verwandelt können, wissen wir von Sigmund Freud. In Analogie können auch unausstehliche Dissonanzen und Geräusche einen Zuhörer bzw. eine Zuhörerin erregen.

Das zeigt die Komponistin Neele Hülcker in ihren Stücken wie ASMR tutorial: How to play Helmut Lachenmann oder ASMR unwrapping piano & mark andre iv11a. Sie inszeniert sinnliches Vergnügen des Hörers und spielt mit der fließenden Grenze zwischen Berühren des Instruments und Erzeugen leiser Geräusche, worauf die Internet-Subkultur ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) basiert, und ästhetischen Extremen der Neuen Musik.

ASMR nennt man manchmal Kopf-Orgasmus, selbst wenn es nicht unbedingt um sexuelle Erregung geht. Es ist ein tiefes sinnliches Vergnügen, das man an bestimmten Geräuschen findet, sei es Kratzen, Reiben, Streicheln, Klopfen oder Flüstern.

Obwohl diese Klangbeschreibung an Neue Musik erinnern könnte, ist das sinnliche Vergnügen in dieser Szene eher Tabu. Erst die Feministinnen versuchten es zu durchbrechen und von Körperlichkeit der Musik zu sprechen. Sie bringen ihr, eigenes weibliches Vergnügen ins Spiel und zum Einsatz.

For feminine pleasure has either been silences in Western music or else has been simulated by male composers as the monstrous stuff requiring containment in Carmen or Salome”, schreibt Susan McClary in ihrem Essay über Laurie Andersons Song Langue d’amour, der für als feministisches Manifest gilt. Anderson erzählt die uralte Geschichte von Evas Verlockung durch die Schlange, zeigt sie aber aus der konträren Perspektive, bei der sich die Erbsünde in das erotische Erlebnis einer Frau verwandelt.

Wie sehr sich der Ausdruck weiblicher Sexualität in den Augen von Mann und Frau unterscheidet, zeigt Erwin Schulhoffs Sonata Erotica. Die im Dada-Umfeld entstandene Komposition fokussiert sich auf die Musikalität des weiblichen Orgasmus, der in pornographischer Deutlichkeit in der Partitur notiert ist und explizit auf das männliche Starren mit Augen und Ohren gemünzt ist.

Die modernen Vorstellungen von Sex und Liebe sind am deutlichsten in der Popkultur und in den Neuen Medien ausgeprägt. Letztere beeinflussen jede Sphäre des menschlichen Lebens, darunter auch sexuelles Verhalten. Die sozialen Konsequenzen der Existenz an der Grenze zwischen Realem und Virtuellem untersucht Brigitta Muntendorf in ihrer Reihe Public Privacy. Im neuesten Teil #ARIA setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie scheinbar das Web 2.0 die sexuellen Bedürfnisse ihrer Nutzer erfüllt. Sie mischt Klang, Bild und Live-Filme mit Ausschnitten aus Oper und YouPorn. Durch die Üppigkeit der Reizimpulse inszeniert die Komponistin zunehmende Isolation und Sehnsucht nach echter Nähe.

Johannes Kreidler spielt dagegen mit dem stark sexualisierten Bild der Frau. In seinem Video London setzt er ‚found footage’ von rauchenden Frauen mit pulsierendem Rauschen zusammen. Rauchen und Rauschen werden zum Fetisch. Die eindeutig erotischen, fetischistischen Ausschnitte aus den 1980er Jahren, die schräges Verlangen nach Sex und Zigaretten vermitteln, produzieren ambivalente Gefühle von Faszination und Distanz.

Die erotischen Anspielungen von Rauschen, Zischen, quasi-orgasmischen Schnaufen nutzt in ihrem Stück (your name here) Jennifer Walshe aus. Mit diesen Geräuschen kontrapunktiert sie die Erzählung über ein Mädchen, das sich an seine zahlreichen sexuellen Abenteuer erinnert. Die Komposition ist ein humoristischer und kritischer Blick auf 1980er Jahre und auf die von Popkultur und Konsumismus geprägten Liebesvorstellungen. Walshe spielt dabei mit dem voyeuristischen Vergnügen der Zuhörer, die den intimsten Momenten im erotischen Leben der Teenagerin lauschen.

Einen kritischen Blick auf die in der Popkultur vermittelten Bilder der sexuellen Begierde wirft auch Pierre Jodlowski. Der Titel seines Stückes Série Rose bezieht sich auf die erotischen Filme, die in den 1980er Jahren im Französischen Fernsehen gesendet wurden. Als Klangmaterial verwendet Jodlowski aber einen Liebesdialog aus Lost Highway von David Lynch. Der Komponist stellt sich die Frage nach der Spannung zwischen der in Pornofilmen gezeigten puren körperlichen Attraktivität von Frauen und der Komplexität in den menschlichen Beziehungen.

Erotische Übersättigung in der Popmusik und Popkultur aber auch schamlose Experimente in Film, Theater und Bildenden Künsten brachen im 20. Jahrhundert letzte Tabus der Präsenz sexueller Themen im öffentlichen Raum. Aber im Vergleich zu anderen Genres spricht der Bereich der Neuen Musik das Thema Sexualität und Erotik weit weniger an.

Das Konzert SÉRIE ROSE wirft Licht auf diesen Aspekt in der Neuen Musik, der im Schatten ihrer abstrakten Form bleibt, und präsentiert Werke, die das Thema Sex, Erotik und Liebe, sei es kritisch oder affirmativ, politisch oder persönlich, betreffen.

Versuchen wir mal Neue Musik ein wenig anders zu hören als nur im Rahmen ihres technischen und ästhetischen Diskurses, um etwas, was von der Avantgarde scheinbar unterdrückt und verdrängt wurde, wiederzuentdecken. 

Spuren. Musikzeitung für Gegenwart” maj 2017

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