Echte Hummer in der n(N)euen Musik

 

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Subjektive Wende oder Echte Hummer in der n(N)euen Musik
Von pluraler Kultur und dem Individualismus junger Ensembles

Unter den vielen Diskursen auf dem Gebiet der n(N)euen Musik bildet – weithin anerkannt – einen der einflussreichsten die spezialisierte Aufführungspraxis. Deren Ursprünge gehen auf die Gründung erster professioneller Musikgruppen zurück, die bereit waren, sich ausschließlich zeitgenössischen Komponisten zu widmen und deren Werke aufzuführen. Zu den Pionieren zählen dabei die London Sinfonietta in England (seit 1968), das Ensemble Intercontemporain in Frankreich (seit 1976), Ensemble Modern und ensemble recherche in Deutschland (seit 1980 bzw. 1985) sowie das Klangforum Wien in Österreich (seit 1985). Diese Formationen treten bis heute sehr erfolgreich auf und bilden die erfahrensten Ensembles im Bereich der n(N)euen Musik. Sie sorgen jährlich für zahllose Uraufführungen und definieren die allgemein akzeptierten Interpretationsstandards, die man in Analogie zur Alten Musik-Bewegung als „zeitgenössisch informierte Aufführungspraxis“ bezeichnen könnte. Die erste Generation dieser Ensembles entstand vielleicht nicht zufällig zur selben Zeit wie die ersten Spezialensembles für Alte Musik, die durch ihren Widerstand gegen einheitliche, postromantisch geprägte Interpretationen und durch die Suche nach der „Wahrheit“ im musikalischen Urtext am Prozess der Etablierung neuer Musikszenen Teil hatten. Unter diesen Vorzeichen, auf der Grundlage der absolut partiturgetreuen Verwirklichung kompositorischer Ideen, wie durch das Vermeiden subjektiver Interpretationsgesten, entwickelte die Ensembleszene der n(N)euen Musik ihr Aufführungsideal. Sachlichkeit, Objektivität und Professionalität gingen dabei Hand in Hand mit der Weiterentwicklung und Systematisierung neuer, erweiterter Spieltechniken.

Wie sehr diese „zeitgenössisch informierte Aufführungspraxis“ die n(N)eue Musik und ihre Performanz in den letzten Jahrzehnten geprägt hat, nimmt man heute umso deutlicher wahr, je mehr neue Formationen es unternehmen, bewusst an diese Tradition anzuknüpfen. Die neue Generation von Ensembles, die durch ihre Präsenz auf zahlreichen Festivalbühnen seit einigen Jahren das Musikgeschehen stark prägen, dekonstruiert gerade diesen Diskurs, indem sie ihn als bereits geschichtlichen enthüllt. Der Katalysator dieser Dekonstruktion ist die digitale Revolution der Musik als ein Prozess, der die allgemeinen Vorstellungen von Musik, wie auch deren Funktionieren im sozialen Raum verwandelt und dabei neue Modelle der Zusammenarbeit der Künstler untereinander und der Begegnung mit dem Publikum ausprägt.

Das Phänomen ist ein internationales und lässt sich überall dort beobachten, wo es neue Musikszenen gibt. Dazu zählen in Deutschland die Ensembles Decoder (Hamburg, gegründet 2012), Ensemble Garage (Köln, gegründet 2009) oder LUX:NM (Berlin, gegründet 2010), in Norwegen asamisimasa (gegründet 2001), in Finnland Defunensemble (gegründet 2009), in Polen Kwadrofonik (gegründet 2006), in Belgien Nadar (gegründet 2006) und das Gitarrenquartett Zwerm (gegründet 2007), in Israel Ensemble Nikel (gegründet 2006), in England Plus-Minus Ensemble (London, gegründet 2003) und Distractfold (Manchester, gegründet 2011) oder in Österreich das 2014 gegründete Black Page Orchestra aus Wien. Sie alle entstanden im 21. Jahrhundert und wurden zumeist von Repräsentanten der Generation sogenannter „Digital Natives“ gegründet. Die aufführungspraktische Differenzierung wurde aber bereits früher durch die Experimente etwas älterer Formationen sichtbar, etwa beim ensemble mosaik und zeitkratzer aus Berlin oder beim schweizerischen Ensemble Phoenix, die bereits in den letzten Jahren des 20. Jhdts. entstanden sind.

Waren die Musiker anfänglich den Komponisten bedingungslos ergeben, übernehmen sie heute selbst die Initiative und setzen auf Subjektivität. Die Kenntnis erweiterter Spieltechniken, sozusagen die ‚lingua franca’ der n(N)euen Musik bildet nicht mehr das Ziel an sich, sondern wird zum Ausgangspunkt bzw. zum Werkzeug ästhetischer Visionen. Junge Ensembles sind heute sehr viel stärker daran interessiert, sich eine eigene, unverwechselbare Identität zu schaffen. Sie wollen nicht mehr als reines Dienstleistungsunternehmen betrachtet werden, sprich: als Orchester – und sei es noch so gut – angemietet werden. Der ausgesprochen subjektive Ansatz der neuen Generation zeigt sich auf vielen verschiedenen Ebenen – vom veränderten Dress-Code (Vermeidung seriöser, üblicherweise schwarzer Konzertbekleidung) bis hin zur bewussten Gestaltung des Ensembleklangs durch elektronische Mittel; von der Eroberung unkonventioneller Spielstätten jenseits traditioneller Orte und Festivals der n(N)euen Musik, etwa Clubs, kleine Theater oder Kunstgalerien, bis hin zu schlüssigen Programmkonzepten und zur Suche nach neuen, originellen Konzertformaten; von der Integration visueller Elemente (wie Video oder Lichtdesign), bis zum maximalen performativen Körpereinsatz aller Ensemblemitglieder; von der Laborsituation in enger Zusammenarbeit mit ausgewählten Komponisten bis zur größten Spontaneität und dem Zulassen des Zufalls.

Mit dem Aufkommen der neuen Medien hat sich der Begriff der Musik stark verändert, was die Musiker und ihre Rolle im allgemeinen Aufführungsprozess unmittelbar betrifft. Es hat sich z.B. das Verhältnis junger Künstler zu musikalischen Texten geändert. Sogenannter „Partiturpositivismus“[1] schließt subjektive Momente wie Körperlichkeit des Klangs, der Gestik, des theatralen Einsatzes oder den Eindruck der Einmaligkeit einer Aufführung aus. Viele aktuelle kompositorische Strategien – wie etwa Transmedialität oder Interaktivität – sind der traditionellen Notation verschlossen. Die Musiker müssen nicht nur ihre Instrumente perfekt beherrschen, sondern darüber hinaus auch Performance-Künstler sein, was mit neuen Herausforderungen und dem immer wachsenden Bedarf erweiterter Zuständigkeiten einhergeht. So gibt es Ensembles, die sich in besonderem Maße der Umsetzung von graphischen Partituren und der Improvisation widmen, wie etwa das Plus-Minus Ensemble aus London oder die Warschau-Danziger Gruppe Kwartludium, die Werke der Bildenden Kunst als graphische Partituren verwendet. Das Ensemble zeitkratzer aus Berlin wurde durch die instrumentalen Interpretationen historischer Werke der elektronischen Musik bekannt – die Musiker ahmen mittels akustischer Instrumente elektronische Effekte nach (etwa bei der „Re-Instrumentierung“ von Lou Reed’s legendärer, rein elektroakustischer Metal Machine Music) und entwickeln Musik zwischen Komposition und Improvisation, Akustik und Elektroakustik.

Zum Experimentierfeld wird auch die Zusammenarbeit mit Komponisten und Institutionen. So erkennt man immer wieder deutlich den Versuch, zum Standardverhältnis zwischen Komponisten und Ensemble – geprägt von der zentralen Rolle der Partitur – Alternativen zu finden. Statt lediglich eine größtmögliche Vielseitigkeit zu pflegen – verstanden als Bereitschaft mit verschiedensten Komponisten zusammenzuarbeiten, dies in der Regel im Auftrag eines Neue Musik-Festivals – definieren viele junge Ensembles sehr klar ihre ästhetischen Vorlieben, mit dem Ziel, eine unverwechselbare eigene künstlerische Physiognomie zu entwickeln. Dies wird durch eine sorgfältige Auswahl von Komponisten erreicht, die meist der eigenen Generation angehören und durch eine nachhaltige Zusammenarbeit auch den besonderen „Sound“ der Ensembles mitbestimmen. Hierzu zählen Künstler wie Stefan Prins, Johannes Kreidler, Simon Steen-Andersen, Matthew Shlomowitz oder Alexander Schubert. Manche von ihnen treten auch als feste Ensemblemitglieder oder künstlerische Leiter auf, wie Stefan Prins (Nadar Ensemble), Matthias Kranebitter (Black Page Orchestra), Sami Klemola (Defunensemble), Brigitta Muntendorf (Ensemble Garage), Matthew Shlomowitz und Joanna Bailie (Plus-Minus Ensemble) oder Enno Poppe (ensemble mosaik). Das Decoder Ensemble kann man geradezu als musizierendes Komponistenkollektiv (Alexander Schubert, Leopold Hurt und Andrej Koroliov) betrachten, ähnlich Black Page Orchestra mit den musizierenden Komponisten Matthias Kranebitter, Alessandro Bottici und Peter Meyer u.a.

Hier denkt man an eine bedeutende, wenngleich musikästhetisch anders fundierte Vorläufer-Bewegung, nämlich die in den 1960er Jahren sich hauptsächlich in Amerika um experimentelle Musik und Minimalismus  gegründeten Composer Performer Ensembles, wie Theatre of Eternal Music (gegründet 1963 von dem Kollektiv um La Monte Young mit Tony Conrad, John Cale, AngusMacLise, Marian Zazeela u.a.), Steve Reich and Musicians (gegründet 1966), Phil Glass Ensemble (1968). 20 Jahre später ist Michael Gordon Philharmonic (1983) entstanden um die Komponisten Michael Gordon, David Lang, Julia Wolfe, die 1987 dann das Bang on a Can Festival und 1992 die Bang on a Can All Stars ins Leben riefen. In Europa wäre zu nennen das 1969 gegründete Scratch Orchestra von Cornelius Cardew, Michael Parsons und Howard Skempton, das aus dem Geist von Fluxus inspirietre Maciunas Ensemble aus den Niederlanden, gegründet 1966 von Paul Panhuysen, Remko Scha und Jan van Riet, oder die 1976 gegründete Michael Nyman Band, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Eigentlich müsste man als historisches Vorbild sogar den Wiener Verein für musikalische Privataufführungen um die Zweite Wiener Schule nennen.

Ensembles wie zeitkratzer oder das Basler Ensemble Phoenix laden zur Zusammenarbeit nicht nur Komponisten der n(N)euen Musik ein, sondern auch mit Vertretern anderer Genres, wie Electronica, Noise oder Pop und stellen sich sozusagen als „Bands“ zur Verfügung. So entstanden Programme mit Musikern wie Zbigniew Karkowski, Jérôme Noetinger, Lou Reed und Keiji Haino, die ihre Auftragskompositionen auf dem Wege der Improvisation entwickelten. Die scheinbare Verengung des ästhetischen Blickwinkels durch intensive Zusammenarbeit mit ausgewählten Komponisten ist mit einer gleichzeitigen Offenheit gegenüber anderen Stilen, Praktiken, Genres oder Künsten jenseits der neuen Musikszene verbunden, wie Pop (Ensemble Decoder), Techno (Ensemble Nikel), Elektronik und Improvisation (Black Page Orchestra, zeitkratzer, Ensemble Phoenix), Alte Musik (Duo Enßle-Lamprecht) und Folk (Zwerm, Kwadrofonik). Auftritte in verschiedenen, auch außermusikalischen Kontexten der Gegenwartskunst beeinflussen die Programme der Ensembles, die immer mehr konzeptionelle Anteile beinhalten. Stilistische Heterogenität statt Spezialisierung sowie die Lust an der Überschreitung stilistischer Grenzen manifestieren sich in den Projekten vieler solcher Gruppen, deren Namen selbst schon darauf hinweisen, was sie interessiert: Humor, Konzept, Multimedialität und Rarität, wie etwa beim Black Page Orchestra – benannt nach Frank Zappas Stück the black page, oder Nadar – einst Pseudonym des Fotokünstlers Gaspard-Félix Tournachon, oder das Duo True Lobster („Echter Hummer“), „in unserer Besetzung eine äußerst seltene Spezies, vor allem in Tirol…“.

Ein weiteres Markenzeichen der neuen Musiker-Generation sind schließlich ungewöhnliche Besetzungen, wie etwa jene von True Lobster: Blockflöte und Gitarre. Ein Faktor, der zur Gleichschaltung des Klanges der n(N)euen Musik beigetragen hatte, war die Verfestigung typischer Ensemblebesetzungen: etwa eines Solistenensembles mit in der Regel fünf bis fünfzehn verschiedenen Instrumenten. Das historische Vorbild hierfür findet man in den Werken Arnold Schönbergs: die Basis vieler Ensemblebesetzungen der zeitgenössischen Musik ist dessen Pierrot lunaire op. 21 oder die Kammersymphonie op. 9. Solche Besetzungsstandards sind einerseits das Ergebnis des positiven Feedbacks zwischen erfahrenen Interpreten und Komponisten, andererseits aber auch der Beweis für die Institutionalisierung von Praktiken in der n(N)euen Musik, die wiederum die aktuelle kompositorische Produktion stark prägen. Junge Ensembles antworten auf diese Institutionalisierung und Gleichschaltung nicht nur mit Elektronik oder Performance, sondern auch durch den Gebrach seltener Instrumente, wie etwa der Zither (Leopold Hurt im Ensemble Decoder), oder mit ungewöhnlichen Besetzungen, wie acht Violoncelli (in der Warschauer Gruppe Cellonet) und vier E-Gitarren (Zwerm aus Belgien). Das Ensemble Nikel zieht mit seiner Stammbesetzung E-Gitarre, Saxophon(e), Schlagzeug und Klavier wiederum Inspiration eher aus der Rock- und Jazzmusik als aus dem Ensembleklang „traditioneller“ n(N)euer Musik.

Das Fehlen fester oder dauerhafter öffentlicher Förderung und Finanzierung (z.B. seitens der Städte, in denen die Musiker tätig sind) zwingt die Gruppen auch zur organisatorischen Kreativität. Sie gründen eigene Vereine und Stiftungen, um Zuschüsse zu erhalten und eigene Projekte oder Festivals zu etablieren – nicht selten in Zusammenarbeit mit Kunstgalerien, Clubs oder Theatern. Ein Beispiel dafür ist das Kwadrofonik Festival in Warschau oder das Festival Unsafe+Sound in Wien, das unter anderem von Matthias Kranebitter (Black Page Orchestra) initiiert wurde. Eine große Rolle in der Selbstwerbung und Kommunikation spielen natürlich das Internet und Kanäle wie YouTube, Vimeo oder SoundCloud, die von den freien, global vernetzten Musikszenen genutzt werden. Nicht nur Auftritte in neuen sozialen und künstlerischen, sondern ebenso in virtuellen Kontexten erlauben den Musikern auch jenseits institutioneller Neue Musik-Foren Popularität zu gewinnen.

Wenn die junge Ensemble-Generation in solch hohem Maße Belege für die Differenzierung der Aufführungspraxis liefert, sollte man dies nicht nur als eine neue objektive Realität, sondern auch als Möglichkeitsraum für künftige Aktivitäten begreifen. Junge Musiker bereichern den überlieferten Diskurs mit neuen subjektiven Inhalten, Praktiken, außermusikalischen Mitteln und Errungenschaften des digitalen Zeitalters, lassen sich von diesem Diskurs selbst aber nicht vereinnahmen. Vielmehr erweitern sie ständig den Begriff zeitgenössischer Musik-Performance und tragen in den Bereichen Kreation und Interpretation zur Pluralisierung der Praktiken bei. Daneben entstehen weiterhin Ensembles, die die schöne Tradition der „zeitgenössisch informierten Aufführungspraxis“ fortsetzen, wie im Falle des Trio Catch durchaus in starker Verbundenheit mit der musikalischen Tradition von Klassik und Romantik. Die Ensembles der vorigen Generation, die heute dank ihrer großen Erfahrung eine starke Position einnehmen, behalten ihr hohes Ansehen und werden sicher solange erfolgreich weiter arbeiten, wie Komponisten das Bedürfnis verspüren, für sie zu schreiben – und wie ein Publikum die Interpretationen auch jener Werke n(N)euer Musik, die bereits vor 15 oder 20 Jahren oder noch weit früher entstanden sind, zu würdigen weiß.

Monika Pasiecznik

[1]            Sebastian Hanusa beschreibt „Partiturpositivismus” als „..die Entwicklung hin zu immer ausgefeilteren Notationsformen, die es ermöglichen, als Komponist auch feinste klangliche Differenzierungen und besondere Spieltechniken zunächst einmal unabhängig von der konkreten Aufführungssituation fixieren zu können“, in: S.H., »… die Rockband ist das Vorbild.«, „Positionen“ 97/2013, S. 29.

 

Der Text wurde im Auftrag von Mathias Osterwold für Katalog des Festivals Klangspuren Schwaz 2016 geschrieben.

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