Polnische zweite Moderne

Eine zweite Moderne. Polnische Komponisten heute

 
In den Sechzigerjahren sorgten polnische Komponisten für Furore. Aber wie ist es heute um die Avantgarde in Polen bestellt?
Die „polnische Schule” fasste man um 1960 Komponisten wie Witold Lutosławski, Krzysztof Pendereski oder Kazimierz Serocki zusammen. Sie arbeiteten mit dem Zufall oder mit radikalen Klangeffekten und konstrastreichen Klangfarben. Dieser „Sonorismus” genannte Stil mit seiner groben Materialität verlieh der Musik eine gewisse Rauheit, wodurch er sich von den seriellen Werken der westlichen Avantgarde dieser Jahre absetzte. Nach den spektakulären Erfolgen von Werken wie Pendereckis Anaklasis (1960) und seiner Lukas-Passion (1966) versiechte die Lust am Experimentieren in den Siebzigerjahren zusehends. Insbesondere Penderecki wandte sich mit seinen neoromantischen Kompositionen, wie z. B. seiner 2. Sinfonie, derWeinachtssymphonie (1980), und seinen Solokonzerten wieder verstärkt an ein breiteres bürgerliches Publikum. Es folgte eine Phase der Einfachheit, in der der Kontakt mit dem breiten Publikum im Mittelpunkt stand, die musikalische Entwicklung aber zu stagnieren schien. Die damalige politische und ökonomische Krise der Achtzigerjahre verschärfte diese Tendenz noch.
Erst die politischen Umwälzungen im Jahre 1989 weckten ein neues Interesse am musikalischen Experiment. Im 21. Jahrhundert betritt nun eine Generation von Komponisten die Bühne, die in einem freien Polen aufgewachsen ist. Die ideologischen und ästhetischen Konflikte der Vergangenheit und die Vorurteile gegen „den Osten” und „den Westen” sind ihnen fremd. Diese Generation bezeichnet sich auch selbst nicht mehr „osteuropäische Künstler”, weil es häufig missverstanden wird als Schlagwort für eine eher behäbige und fortschrittsfeindliche Haltung. So geht heute eher ein Riss durch die Generationen, als dass man von einem kontinuierlichen Prozess sprechen kann. Eine der wenigen Integrationsfiguren ist Komponist Bogusław Schaeffer sein, der schon in den Sechzigerjahren unermüdlich im Studio experimentierte und diese Haltung nie aufgegeben hat. Im offiziellen Musikleben wurde er aber zusehends marginalisiert, erst seit wenigen Jahren wird er von jungen Komponisten als Pionier neu entdeckt.
Zur wichtigsten Institution der neuen Generation avancierte rasch die Zeitschrift Glissando, die 2004 von Studenten der Musikwissenschaft der Warschauer Universität gegründet wurde. Die Zeitschrift wurde rasch zu einem Forum für Komponisten, Musiker, Kritiker, Musikwissenschaftler und interessierte Hörer. Es zeigte sich, dass Polen hungrig war nach Neuer Musik. Zur gleichen Zeit entstanden Ensembles für Neue Musik, darunter Kwartludium (Gdansk/Warschau), das Neo Quartet (Gdansk) oder Orkiestra Muzyki Nowej (Kattowitz), die auch bei nur geringer finanzieller Unterstützung regelmäßig neue Werke uraufführen. Auch die Festivallandschaft erblühte mit vielen kleinen Festivals in Warschau und Krakau.
Zur jungen Generation in Polen gehören auch Wojtek Blecharz (*1981), Paweł Hendrich (*1979), Marcin Stańczyk (*1977), Jagoda Szmytka (*1982) und Agata Zubel (*1978), die je unterschiedliche Interessen verfolgen und aus der Philosophie, der Kunst, der alten Musik, der Psychologie oder den Naturwissenschaften schöpfen.
Wojtek Blecharz spielte, bevor er anfing zu komponieren, in einem Ensemble für Alte Musik. Die alte Musik formte sein Klangverständnis und seinen Umgang mit Instrumenten. So werden in seinem StückPhenotype die Violinen wie mittelalterliche Fideln behandelt. Aber Blecharz scheut sich auch nicht, ein Instrument in seine Einzelteile zu zerlegen, um einen interessanten Klang zu finden, und die temperierte Stimmung um Mikrointervalle zu erweitern.
Paweł Hendrichs Herangehensweise ist grundlegend anders. Der Sohn zweier Wissenschaftler bedient sich mathematischer Formeln, um sich der Wirklichkeit zu nähern. Er wendet diese Formlen auf die Musik an, was sich auch in seinen Titeln widerspiegelt: Diaphanoid, Liolit, Hyloflex α und β verweisen auf mathematische Modelle und chemische Prozesse. Hendrich beschäftigt sich überdies mit elektronischer Musik und improvisiert im Trio „Phonos ek Mechanes”.
Für Jagoda Szmytka ist die Musik eine körperliche Erfahrung. Sie arbeitet mit einer Sprache der Gesten, die den physischen Aspekt des Komponierens, aber auch des Ausübens und des Hörens von Musik unterstreicht, wie z. B. in dem Stück happy deaf people. Neben traditionellen Werken für den Konzertsaal, entstehen auch konzeptuelle Performances und multimediale Installationen.
Für Marcin Stańczyk ist Władysław Strzemiński, ein polnischer Künstler aus dem Kreis der Konstruktivisten, die wichtigste Inspiration. Besonders wichtig ist Strzemińskis Wahrnehmungstheorie. Mit großer Sorgfalt untersucht Stańczyk Rauschklänge und Resonanzen, Nebengeräusche und Hall. In Werken wie Three Afterimages werden Geräusche zu Nachbildern des Klangs, so wie ein visueller Eindruck auf der Netzhaut bleibt, auch nachdem wir die Augen geschlossen haben.
Agata Zubel ist Komponistin und Musikerin. Sie begann ihre musikalische Laufbahn als Perkussionistin, tritt heute allerdings vornehmlich als Vokalistin auf. In Werken wie Parlando experimentiert sie mit neuen Vokaltechniken. Aber auch wo sie mit theatralischen Elementen oder Texten von Czesław Miłosz oder Wisława Szymborska arbeitet, bleibt ihr Denken dem Strukturellen verpflichtet; Klangfarbe und Rhythmus sind die zentralen Dispositive ihrer Instrumentalwerke.
Text entstand im Auftrag von Goethe-Institut für Projekt
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